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Erlebnispädagogik in der Behindertenarbeit - Konzepte für die schulische und außerschulische Praxis
Kinne, T., Theunissen, G.

Als Ziel des Buchs geben Herausgeberin und der Herausgeber in ihrem Vorwort an, Perspektiven der Behindertenarbeit und der Erlebnispädagogik zusammenführen zu wollen. Dabei sollen Anregungen aus Praxisbereichen der schulischen Sonderpädagogik und der außerschulischen Behindertenhilfe offeriert werden. Die Publikation ist demgemäß praxisorientiert angelegt, entbehrt jedoch nicht der einleitenden und verortenden wissenschaftlich- theoretischen Fundierung. So werden in dem Buch die Perspektiven von einerseits wissenschaftlich Tätigen und andererseits handlungspraktisch arbeitenden Erlebnispädagogen sowie einer selbstbetroffenen Outdoortrainerin aufgegriffen. Die Autorinnen und Autoren illustrieren die Anwendbarkeit erlebnispädagogischer Methoden und Handlungsfelder für verschiedene Personen- und Altersgruppen, z. B. Schülerinnen und Schüler mit körperlich-motorischen Entwicklungsbeeinträchtigungen, Jugendliche mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten, Schülerinnen und Schüler mit sog. Lernschwierigkeiten (Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung) sowie jugendlichen und erwachsenen Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen. Das Buch beginnt mit einer Einführung in die Erlebnispädagogik von Tanja Kinne. Dabei wird die relevante Frage, ob es in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung einer speziellen Erlebnispädagogik bedarf, verneinend geklärt: Durch die Orientierung erlebnispädagogischer Angebote an den Bedürfnissen, Möglichkeiten und individuellen Kompetenzen des Adressatenkreises wird sie als geeignet für alle Personen erachtet. Die Frage, was Erlebnispädagogik der Behindertenpädagogik zu bieten habe, beantwortet Tanja Kinne in einem Kapitel mit Ausführungen zur Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung. Dabei stellt sie heraus, dass im Gegensatz zu anderen handlungsorientierten Ansätzen, in der Erlebnispädagogik soziale Kompetenzen selbst zum Gegenstand von Lernprozessen gemacht werden. Darüber hinaus hebt sie die eigenaktive Entfaltung und die Rolle der Pädagogen und Pädagoginnen als Lern- und Prozessbegleiter hervor. Ein kritischer Leser mag hinterfragen, ob diese Kennzeichen nicht auch auf andere handlungsorientierte Ansätze, wie z. B. eine psychomotorische Entwicklungsförderung, zutreffen. Als unverzichtbares erlebnispädagogisches Element werden Reflexionsprozesse, um den Transfer in den Alltag zu schaffen, thematisiert. Die Leserinnen und Leser werden durch dieses Grundlagenkapitel zudem sehr gut in erlebnispädagogische Leitlinien bzw. Prinzipien eingeführt, zu denen u.a. Offenheit, Unmittelbarkeit, Prozessorientierung und Freiwilligkeit zählen. Sinnvoll, mit einigem Potenzial zur Vertiefung, wird abschließend reflektiert, wie Erlebnis und Erleben zusammenhängen. Gut wird hierbei hervorgehoben, dass Erlebnispädagogik nicht von risikoreichen und herausgehobenen Situationen, sondern eher von individuell als herausfordernd beurteilten, persönlich sinngebenden und authentischen Situationen lebt. Im zweiten Kapitel werden von Georg Theunissen und Tanja Kinne die Ansätze des Empowerments und der Erlebnispädagogik in der Arbeit mit Schülern und Schülerinnen mit Lernschwierigkeiten (sog. geistiger Behinderung) aufeinander bezogen. Dabei wird der Ansatz des Empowerments als hoch anschlussfähig an die Erlebnispädagogik erachtet (S. 56). In weiteren Verlauf des Kapitels werden die Grundsätze zur erlebnispädagogischen Arbeit mit dieser Zielgruppe beschrieben. Hierbei wird versucht, nicht über Besonderheiten, vielmehr über die Sensibilisierung für bestimmte Problematiken auf Seite der Gestalter erlebnispädagogischer Angebote zu argumentieren (S. 58f.). Aufgezeigte Spannungsfelder beinhalten beispielsweise Selbstorganisation und den Bedarf an Unterstützung und Assistenz oder das Recht auf Selbstentscheidung und die Abwehr objektiver Gefahren, z. B. in Überschätzungssituationen. Als Praxisprojekt wird das „Abenteuerland“ dargestellt, im Zuge dessen viele klassische erlebnispädagogische Übungen, Aufgaben und Reflexionsmethoden hinsichtlich der Zielgruppe differenziert beschrieben werden. Hervorgehoben wird zum Abschluss die Selbstreflexion der Pädagoginnen und Pädagogen, z.B. bezüglich der gewohnten Lehrerrolle. Sehr anschaulich mit authentischen Fallbeispielen illustriert, werden von Angela Bauer Praxiserfahrungen mit lernbehinderten und verhaltensauffälligen Jugendlichen geschildert. Sie stellt die Erfahrungen aus einem einjährigen schulalternativen und wissenschaftlich evaluierten Projekt der Erlebnisakademie Sachsen vor. Die Autorin geht in ihren Ausführungen kritisch auf erfolgreiche, ebenso auf erschwerende Bedingungen und Faktoren der durchgeführten erlebnispädagogischen Projektarbeit ein. Fundiert wird bei den Schilderungen durch Beobachtungsprotokolle und der abschließenden Interpretation auf theoretische Bezüge, z.B. Phasen der Gruppenbildung, den Empowermentansatz und positive Peerkultur verwiesen. Das Schlusskapitel gibt Empfehlungen für die Umsetzung erlebnispädagogischer Ideen im förderpädagogischen Kontext (ab S. 93). Hier werden z.B. auch konkrete methodisch-didaktische Aspekte der peerkulturorientierten erlebnispädagogischen Praxis in der Schule aufgezeigt (S. 98). Klettern als erlebnispädagogisches Medium für Schülerinnen und Schüler mit körperlich-motorischen Entwicklungsbeeinträchtigungen wird von Tanja Kinne und Sarah Woitkowiak thematisiert. Nach einer fachwissenschaftlichen Einordnung und Begründung aus entwicklungspsychologischer und fachsportlicher Perspektive beschreiben die Verfasserinnen ausführlich die Bedeutsamkeit dieses Angebots für die o.g. Zielgruppe. Anhand des Beispiels der Kletter-AG an einem Landesbildungszentrum für Körperbehinderte wird die Umsetzung eines Angebots erläutert. Im Resümee wird die Machbarkeit auch für Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen kommentiert, ebenso auf die Grenzen des Angebots, beispielsweise bei manifestierten psychischen Problemen, verwiesen. Ergänzend zur Perspektive des Sportkletterns bietet Simone Zimmermann in ihrem Kapitel zur Erlebnispädagogik auf Rädern Einblicke in die Arbeit mit Rollstuhlfahrern und Rollstuhlfahrerinnen. Reflektiert wird das Spannungsfeld Erlebnispädagogik versus Überbehütung aufgegriffen, um anschließend die Praxisarbeit im Projekt „Abenteuertag im City Camp Leipzig“ zu beschreiben. Dabei wird die „kreative Modifizierung allgemeiner erlebnispädagogischer Vorgehensweisen“ (S. 122) für die Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen mit geistigen, körperlichen und mehrfachen Behinderungen beschrieben. Als Erlebnisbericht formuliert, werden dem Leser interessante Einblicke in Höhepunkte, wie auch in den steinigen Weg eines Erlebnistages gegeben. Die gerade in den vorherigen Kapiteln betonte notwendige Ebene der Reflexion des Erlebten kommt in dem Kapitel 4.8 (Reaktionen der Kinder und Jugendlichen) leider etwas zu kurz. In der Zusammenfassung greift die Autorin die Diskrepanz der in Zeiten stetig wachsender Zahlen von Abenteuer- und Kletterparks (Hochseilgärten), die eher auf individuelle Erlebnisse abzielen, gegenüber einer geringeren Anzahl erlebnispädagogisch konzipierter, barrierefreier und auf Teamerleben ausgerichteter Hochseilgartenelemente, auf. Andrea Szabadi-Heine fügt den bisherigen Ausführungen aus Sicht einer querschnittgelähmten Outdoortrainerin eine neue Perspektive hinzu. Erneut werden die Prinzipien Selbstbestimmung und Freiwilligkeit aufgegriffen. Projektbeispiele für die Arbeit, gerade auch für Menschen mit erworbenen Beeinträchtigungen, werden beschrieben und liefern eine gute Anregung für außerschulische Praxisfelder. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Kapitel zur Themenzentrierten Interaktion (TZI), als eine Möglichkeit, Erlebnisse zu reflektieren. Umfassend werden dabei von Jürgen Tscheke die Perspektiven der Leitungsperson und der Gruppenmitglieder ausgeführt. Dieses Kapitel bietet eine sehr fundierte theoretische Einbettung der bereits in den vorherigen Praxiskapiteln angesprochenen Reflexionsebenen, die notwendigerweise immer auch die Leitungspersonen und die Reflexion der „Machbarkeit“ der Angebote umfassen. Bei dem Buch handelt es sich insgesamt betrachtet um ein vielfältig angelegtes, mit nachvollziehbaren Praxisbeispielen und konzeptionellen Überlegungen gefülltes Buch. Es ist Tanja Kinne und Georg Theunissen gelungen, einen grundlegenden Beitrag und eine theoretische Fundierung zur Erlebnispädagogik in der Behindertenhilfe zu leisten. Durch die Thematisierung von schulischen und außerschulischen Projekten ist es gleichsam für Fachpersonen in der (Förder-) Schule wie auch in weiteren Institutionen der Behindertenhilfe interessant. An einigen Stellen (z. B. S. 79, S. 113) finden sich Hinweise zur Evaluation erlebnispädagogischer Methoden und Handlungsansätze in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Aufbauend auf den hier dargestellten konzeptionellen Grundlagen wäre zukünftig ein systematischer Ausbau wissenschaftlicher Evaluationsstudien zur weiteren Etablierung dieser handlungspraktischen Methode sehr wünschenswert.

Britta Gebhard

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